Hintergrund für das Farmerino Lexikon – Begriffe rund um regionale Lebensmittel

Saatgut

Samen und Pflanzgut zur Aussaat – Grundlage jeder landwirtschaftlichen Produktion.

Saatgut ist die Grundlage allen Lebens und jeder Landwirtschaft – der erste Baustein der Nahrungskette, ohne den es keine Ernte, kein Brot und kein Gemüse gäbe. In einem einzigen Samenkorn steckt die genetische Information für eine ganze Pflanze, gebündelt mit einem Nährstoffvorrat für die ersten Tage des Keimlings. Die Qualität des Saatguts bestimmt maßgeblich die Qualität der Ernte: Keimfähigkeit, Sortenreinheit, Gesundheit und genetische Stabilität sind die entscheidenden Parameter, an denen sich gutes Saatgut messen lässt. In der modernen Landwirtschaft wird Saatgut zu einem großen Teil von globalen Konzernen bereitgestellt, die mit Hybridzüchtung und Biotechnologie Sorten entwickeln, die auf maximale Erträge unter optimalen Bedingungen getrimmt sind – Bedingungen, die mit Dünger, Pflanzenschutzmitteln und Bewässerung künstlich hergestellt werden müssen.

Die Frage, wer das Saatgut kontrolliert, ist eine der machtpolitisch bedeutendsten Fragen der globalen Landwirtschaft. Drei Konzerne – Bayer (Monsanto), Corteva und Syngenta (ChemChina) – kontrollieren zusammen mehr als die Hälfte des weltweiten Saatgutmarktes und bestimmen damit, welche Sorten angebaut werden, zu welchem Preis und unter welchen Bedingungen. Diese Konzentration hat dramatische Folgen: Die Sortenvielfalt schwindet, Bauern verlieren das Recht auf Nachbau (das Recht, aus der eigenen Ernte Saatgut für das nächste Jahr zu gewinnen), und die Abhängigkeit von wenigen Hochleistungssorten macht die Landwirtschaft anfällig für Schädlinge und Klimaextreme.

Samenfeste Sorten vs. Hybrid-Saatgut

Der für Verbraucher und Landwirte wichtigste Unterschied in der Saatgutwelt ist jener zwischen samenfesten Sorten und Hybrid-Saatgut (F1-Hybriden). Samenfeste Sorten sind das Ergebnis klassischer Züchtung über viele Generationen: Durch gezielte Auswahl der besten Pflanzen entstehen Sorten, deren Eigenschaften stabil an die Nachkommen weitergegeben werden. Ein Landwirt kann aus der Ernte eines samenfesten Weizens oder einer samenfesten Tomate neues Saatgut für das nächste Jahr gewinnen, ohne dass die Sorte ihre Eigenschaften verliert. Alte Sorten sind per Definition samenfest – sie wurden über Jahrhunderte von Bauernhand erhalten und weitergezüchtet.

Hybrid-Saatgut entsteht dagegen durch die gezielte Kreuzung zweier reinerbiger Inzuchtlinien, deren Nachkommen (die F1-Generation) besonders wüchsig, ertragreich und uniform sind – ein Effekt, der als Heterosis bekannt ist. Der Haken: Dieser Effekt tritt nur in der ersten Generation auf. Baut der Landwirt aus der Ernte der Hybrid-Pflanzen neues Saatgut nach, spalten die Eigenschaften in der zweiten Generation auf, die Pflanzen sind ungleichmäßig und bringen weniger Ertrag. Der Landwirt muss das Saatgut daher jedes Jahr neu kaufen – ein Geschäftsmodell, das die Saatgutindustrie über Jahrzehnte perfektioniert hat und das die Abhängigkeit der Landwirte von wenigen Konzernen zementiert. In der ökologischen Landwirtschaft und in der Direktvermarktung spielen samenfeste Sorten eine viel größere Rolle als im konventionellen Anbau, weil sie besser an lokale Bedingungen angepasst sind und ohne die teuren Begleitinputs der Industrie (synthetische Dünger, Pestizide) auskommen.

Saatgut als Kulturgut erhalten

Der Erhalt der Sortenvielfalt – der Agrobiodiversität – ist eine der dringendsten Aufgaben unserer Zeit. Von den rund 7.000 Apfelsorten, die im 19. Jahrhundert in Deutschland bekannt waren, sind heute weniger als 2.000 erhalten, und nur ein Dutzend davon findet man im Supermarkt. Das gleiche Bild bei Getreide, Kartoffeln, Tomaten und fast jeder anderen Nutzpflanze. Die FAO schätzt, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts rund 75 Prozent der genetischen Vielfalt unserer Kulturpflanzen verloren gegangen sind. Dieser Verlust ist nicht nur ein kultureller und kulinarischer Verlust, sondern eine Gefahr für die Ernährungssicherheit, denn er reduziert den Genpool, aus dem Züchter Resistenzgene gegen neue Schädlinge und Klimaanpassungen schöpfen können.

Gegen diesen Trend stemmen sich Initiativen, Vereine und engagierte Landwirte in ganz Deutschland. Saatgutbibliotheken, Sortenerhaltungsprojekte und private Züchter arbeiten daran, alte Sorten zu bewahren, zu vermehren und wieder in den Anbau zu bringen. Viele Direktvermarkter, die über den Farmerino Online-Hofladen verkaufen, bauen gezielt alte Sorten an und erhalten so die genetische Vielfalt durch praktische Nutzung (on-farm conservation) – die wirksamste Methode des Sortenschutzes. In 36 Kategorien findest du diese Sorten, und mit jedem Einkauf per Vorbestellung+Abholung oder Lieferung per Milchmann-Prinzip förderst du die Sortenvielfalt direkt. Das Hofprofil der Betriebe erzählt die Geschichten hinter den Sorten – von der Bamberger Hörnchen-Kartoffel bis zur Ochsenherz-Tomate – und macht den Wert des Saatguts als Kulturgut erfahrbar.