Hintergrund für das Farmerino Lexikon – Begriffe rund um regionale Lebensmittel

Alte Sorten

Traditionelle Obst-, Gemüse- und Getreidesorten, die aus dem kommerziellen Anbau verschwunden sind, aber von Liebhabern erhalten werden.

Alte Sorten sind die lebenden Archive der Landwirtschaft – Obst-, Gemüse- und Getreidesorten, die über Jahrhunderte von Bauern und Gärtnern durch Auslese und Nachbau erhalten und weiterentwickelt wurden, bevor die industrielle Landwirtschaft mit ihren Hybridzüchtungen und Standard-Sorten die Vielfalt radikal reduzierte. Jede alte Sorte hat eine Geschichte: Sie wurde in einer bestimmten Region gezüchtet, an ein bestimmtes Klima und einen bestimmten Boden angepasst, von Generation zu Generation weitergetragen, verfeinert und schließlich von den Hochleistungssorten der Agrarindustrie verdrängt. Was verloren ging, ist schwer zu beziffern – die FAO schätzt, dass im 20. Jahrhundert rund 75 Prozent der genetischen Vielfalt unserer Kulturpflanzen unwiederbringlich verloren gegangen sind. Von den tausenden Apfelsorten, die im 19. Jahrhundert in Deutschland existierten, findet man im Supermarkt heute eine Handvoll; von unzähligen Kartoffelsorten blieb die ertragreiche, uniforme, aber geschmacklose Agria-Kartoffel; von den vielen Getreidesorten, die jede Region einst prägten, dominieren heute wenige von Saatgut-Konzernen patentierte Hochertragssorten die Felder.

Alte Sorten sind aber nicht nur ein kulturelles und kulinarisches Erbe, das es zu bewahren gilt – sie sind auch eine genetische Ressource für die Zukunft der Landwirtschaft. In einer Zeit, in der der Klimawandel neue Krankheiten, neue Schädlinge und extreme Wetterlagen bringt, wird der Genpool, den alte Sorten darstellen, überlebenswichtig. Resistenzgene gegen Pilzkrankheiten, Dürre-Toleranz, Anpassung an nährstoffarme Böden – all das findet sich in alten Sorten, die unter extensiven Bedingungen selektiert wurden, während moderne Hochleistungssorten nur unter optimalen Bedingungen mit viel Wasser, Dünger und Pflanzenschutz Höchsterträge bringen. Genbanken wie die Weltsaatgutbank auf Spitzbergen und die Genbank Gatersleben in Deutschland lagern das Saatgut alter Sorten für den Fall der Fälle ein – aber on-farm conservation, der Erhalt durch praktische Nutzung und Vermarktung, ist die wirksamste und nachhaltigste Methode des Sortenschutzes.

Bekannte alte Sorten und ihre Besonderheiten

Die Welt der alten Sorten ist unermesslich reich und jede Region hat ihre eigenen Spezialitäten, die von engagierten Landwirten, Gärtnern und Pomologen (Obstsortenkundlern) bewahrt werden. Bei Äpfeln sind es Sorten wie der Gravensteiner – ein dänisch-norddeutscher Tafelapfel mit unverwechselbarem Duft und Würze, der Goethe so begeisterte, dass er ihn sich täglich aus dem Nachbarort liefern ließ. Der Boskoop, auch Schöner aus Boskoop, ist die perfekte Sorte für Kuchen, Strudel und Apfelmus – saftig, säurebetont und mit einem Aroma, das moderne Sorten nicht erreichen. Der Rheinische Bohnapfel ist ein typischer Streuobst-Apfel, der bis weit ins Frühjahr lagerfähig ist und als Saft- und Mostapfel geschätzt wird. Bei Gemüse sind es Sorten wie die Bamberger Hörnchen – eine fingerförmige, goldgelbe Kartoffel mit festem Fleisch und nussigem Aroma, um 1850 in der Region Bamberg entstanden und inzwischen eine gefragte Delikatesse. Die Ochsenherz-Tomate mit ihren tief gerippten, fleischigen Früchten ist eine der ältesten deutschen Tomatensorten und überragt moderne Tomaten an Geschmack um Längen.

Bei Getreide hat der Emmer – eines der ältesten Getreide der Menschheit, bereits im Alten Ägypten angebaut – eine beeindruckende Renaissance erlebt. Emmer ist ein Spelzgetreide mit nussigem, kräftigem Aroma und einer für viele Menschen besseren Verträglichkeit als moderner Weizen. Einkorn, das ursprünglichste Getreide, stammt direkt vom Wildgras ab und ist klein, kernig und besonders mineralstoffreich. Der Waldstaudenroggen, eine traditionelle Roggen-Sorte aus der Lüneburger Heide, wurde von Johann Hinrich von Weyhe im 19. Jahrhundert gezüchtet und galt bis in die 1960er Jahre als beste deutsche Roggensorte. All diese Sorten haben eines gemeinsam: Sie schmecken nicht nur anders, sondern intensiver, komplexer, unverwechselbarer als ihre modernen Nachfolger – ein Geschmacksreichtum, der in der industriellen Landwirtschaft der Uniformität geopfert wurde und der jetzt über die Direktvermarktung eine wirtschaftliche Perspektive zurückerhält.

Alte Sorten im Hofladen und Online-Hofladen

Für Direktvermarkter sind alte Sorten ein Alleinstellungsmerkmal und ein Differenzierungsfaktor, mit dem sie sich von der Massenware des Supermarkts abheben. Wer einen Boskoop-Apfel oder eine Bamberger Hörnchen-Kartoffel anbietet, hat kein Konkurrenzprodukt zum identischen Standard-Apfel oder zur identischen Agria-Kartoffel der Supermarkt-Discounter, sondern ein genuin anderes, besonderes Produkt mit Geschichte und Charakter. Das erlaubt eine Preisgestaltung, die den erhöhten Aufwand des Anbaus alter Sorten (geringere Erträge, aufwändigere Pflege, kürzere Haltbarkeit bei manchen Sorten) reflektiert und dem Landwirt ein gutes Auskommen sichert.

Der Farmerino Online-Hofladen ist die ideale Plattform für alte Sorten, denn hier kann der Landwirt erzählen, was sein Boskoop oder seine Emmer-Brote besonders macht, während das anonyme Supermarktregal nur Platz für einen kurzen Preisvergleich bietet. Im Hofprofil präsentieren Landwirte die Geschichten ihrer Sorten, erklären die Besonderheiten und geben Tipps zur Verwendung – welcher Apfel für den Kuchen, welche Tomate für den Salat, welche Kartoffel für den Ofen. Du stöberst in 36 Kategorien, bestellst per Vorbestellung+Abholung oder Lieferung per Milchmann-Prinzip und erhältst keine Commodity, sondern einen Teil deutscher Agrar- und Kulturgeschichte auf den Teller. Jeder Kauf einer alten Sorte ist eine Stimmabgabe für Sortenvielfalt, handeltreibende Landwirte mit Weitblick und eine Landwirtschaft, die mehr zu bieten hat als den sattsam bekannten Sorten-Einheitsbrei der Supermärkte.